Views from the Top – Folge der Kunst

Was bewegt die Menschen, die hinter den Galerien und Museen von St. Moritz stehen? Wir sprechen mit den Persönlichkeiten dieser einzigartigen Kulturorte und erhalten Einblicke in ihre Arbeit, ihre Leidenschaft und die dynamische Kunstszene, die St. Moritz und das Engadin prägt.
vonAlistair MacQueen

Alistair MacQueen ist Autor, Redaktor und Kommunikationsberater mit Sitz in London.

Giorgia von Albertini, Hauser & Wirth

Egal, ob man die Galerie Hauser & Wirth an der Via Serlas regelmässig besucht oder sie zum ersten Mal betritt – oft sieht man ihre Direktorin, Giorgia von Albertini, wie sie Besucherinnen und Besuchern über eine neue Ausstellung informiert oder sich diskret zwischen den Werken bewegt. Von Albertini gehört zu den jüngsten, leidenschaftlichsten und renommiertesten Kuratorinnen des Landes. In diesem Gespräch erzählt sie von der Geschichte und Zukunft der Galerie.

Was macht St. Moritz zu einem so kreativen und aufgeschlossenen Ort für Kunst?
Seit Jahrhunderten ist St. Moritz ein Refugium der Kreativität – ein Ort, der Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt anzieht und sie mit der grossartigen Bergwelt und eindrucksvollen Natur inspieriert. Das Engadin, die Heimat der Familie Giacometti und des Malers Giovanni Segantini, hat Generationen von Intellektuellen inspiriert, darunter Friedrich Nietzsche, Thomas Mann, Gerhard Richter und Joseph Beuys.
Als Galerie mit Wurzeln in Zürich fühlt sich Hauser & Wirth mit der Schweiz eng verbunden. Wir sind Teil der lebendigen Kunstszene des Engadins – neben Kunsthäusern, privaten Stiftungen und internationalen Galerien. Das vielfältige kulturelle Angebot wird durch Institutionen wie das Segantini Museum oder das Nietzsche-Haus zusätzlich bereichert. Wer Kunst liebt, kann hier ganz in diese Welt eintauchen.

Das Engadin blickt auf eine lange Tradition von Kunst und Kreativität zurück. Nach welchen Kriterien entscheidet die Galerie, welche Künstlerinnen und Künstler sie zeigt?
Schon vor der Eröffnung von Hauser & Wirth St. Moritz im Jahr 2018 waren viele unserer Künstlerinnen und Künstler sowie Nachlässe von der Idee begeistert, in einer alpinen Galerie auszustellen. Seither haben wir Werke grosser Namen des 20. Jahrhunderts gezeigt, darunter Louise Bourgeois, Philip Guston und Alexander Calder, ebenso wie zeitgenössische Positionen von Isa Genzken, Stefan Brüggemann, Maria Lassnig oder Cindy Sherman.
Im Jahr 2024 präsentierten wir eine Ausstellung mit Arbeiten von Jean-Michel Basquiat, die in der Schweiz entstanden sind und von seinen Aufenthalten hier inspiriert wurden. Im Jahr davor widmeten wir uns Gerhard Richters Engadiner Werken. Im Dezember dieses Jahres eröffnen wir die Ausstellung «Alberto Giacometti: Faces and Landscapes of Home», die dem Künstler, seiner Familie und seiner Heimat, dem Val Bregaglia und dem Engadin, gewidmet ist.

Was braucht es, damit eine Ausstellung tatsächlich erfolgreich wird?
Grossartige Kunst spricht für sich selbst, aber um eine Ausstellung zu kuratieren, braucht es ein hervorragendes Team von Galeriemitarbeitenden über die Logistik bis hin zur Programmleitung. Ich arbeite eng mit unseren Schweizer Partnern und der Präsidiumsriege an den Programmen in St. Moritz zusammen. Zudem haben wir das Privileg, mit international renommierten Kuratorinnen und Kuratoren zusammenzuarbeiten, um jede unserer Ausstellungen zu einem einzigartigen Erlebnis zu machen.

Wie würden Sie Hauser & Wirth in wenigen Worten beschreiben?
Die Künstlerinnen und Künstler stehen bei uns immer an erster Stelle!

Die Ausstellung «Alberto Giacometti: Faces and Landscapes of Home» eröffnet am 13. Dezember 2025 und ist bis 28. März 2026 zu sehen.

Foto: Alessandro Timpanaro

Dr. Peter Robert Berry IV – Berry Museum

In diesem kleinen Museum, das sich in der Villa Arona hinter dem Hotel Schweizerhof im Herzen von St. Moritz Dorf befindet, dreht sich alles um die Familie. Die ehemalige Klinik, die zu einem Museum umgebaut wurde, würdigt das Werk von Peter Robert Berry II, einem der bedeutendsten und spannendsten Maler der Region (und Kurarzt). Das Museum zeigt seine sensiblen und eindrucksvollen Landschaften, Porträts und vieles mehr. Heute wird diese Schatzkammer vom Enkel des Künstlers, Dr. Peter Robert Berry IV, geführt, der sie als «St. Moritzer Ontogenese alpiner Destinationen» beschreibt.

Wann wussten Sie, dass Sie Museumsdirektor werden wollten?
Es gab nicht den einen entscheidenden Moment, sondern eine Reihe von prägenden Erlebnissen, die in meinem Elternhaus, der Villa Montagna, begannen. Diese hatte mein Grossvater entworfen und 1908 gebaut. Sein Atelier befand sich im Dachgeschoss und so war ich mein ganzes Leben lang von seinen Gemälden umgeben.
Immer wieder fragten Familienmitglieder und Besuchende: «Warum werden diese Werke nicht öffentlich gezeigt?» Irgendwann dachte ich mir: «Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht ich, wer sonst?» So beendete ich um das Jahr 2000 meine Tätigkeit im medizinischen Notfalldienst und änderte die Ausrichtung der Klinik vollständig. Zwischen Oktober 2003 und August 2004 wurde die ehemalige Berry-Klinik zum Berry-Museum umgebaut.

Welche Verbindung hatte Ihre Familie zu dieser Region?
Die Familie Berry und die Familie Badrutt sind eng mit der Entstehung des modernen St. Moritz verbunden. Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich das kleine Bauerndorf innerhalb von 20 Jahren zu einem mondänen Reiseziel von Weltruf. Mein Urgrossvater, Dr. Peter Robert Berry I, spielte dabei eine entscheidende Rolle: Als Regimentsarzt der British Swiss Legion im Ersten Krimkrieg war er mit den Gepflogenheiten des englischen Adels bestens vertraut und nutzte dieses Wissen, um britische Gäste ins Engadin zu locken. Seine Schwester Maria Berry heiratete in den späten 1840er-Jahren Johannes Badrutt vom Kulm Hotel – eine Verbindung, die die Beziehungen zwischen beiden Familien und der Region weiter festigte.

Was bietet das Museum, was andere in der Gegend nicht haben?
Das Berry-Museum ist ein Kaleidoskop der Alpen und eine reiche Quelle bildhafter Kunst, durchzogen von echter St. Moritzer Geschichte. Die Sammlung umfasst über 2‘000 Objekte: Neben Skizzen und Kohlezeichnungen befinden sich auch Hunderte Texte, Musikmanuskripte, Opernlibretti, Gedichte, philosophische Notizen und Wanderer-Elegien in der Sammlung.

Wie würden Ihre Freunde oder Kolleginnen Sie als Museumsdirektor beschreiben?
Sie würden mich wahrscheinlich als energiegeladen, ideenreich und rational optimistisch beschreiben. Vielleicht nicht immer einfach, aber ehrlich, selbstkritisch und direkt im Umgang. Und ich bin wohlgesinnt – mit einem Schuss liebenswürdigem Widerspruchsgeist.

Wen würden Sie am liebsten einmal durch Ihr Museum führen?
Clint Eastwood oder die amerikanische Chemikerin Jennifer Doudna.

Das Berry Museum ist in der Wintersaison vom 15. Dezember 2025 bis zum 10. April 2026 geöffnet.

Christina Marx – Galerie Karsten Greve

Christina Marx leitet seit fünf Jahren die Galerie Karsten Greve in St. Moritz – und ist seit fast zwanzig Jahren Teil des Teams. Auch wenn es respektlos wäre, sie als Teil des Mobiliars zu bezeichnen, trifft man sie doch fast das ganze Jahr über in den Räumen der Galerie an. Sie ist stets ansprechbar, engagiert und hat ein sicheres Gespür für die Werke und Kunstschaffenden, die hier gezeigt werden.

Wann wussten Sie, dass Sie Galerieleiterin werden möchten?
Das war ein schrittweiser Prozess. Nach meinem Innenarchitekturstudium in Mailand arbeitete ich zunächst selbstständig im Engadin. Da es ein kleiner Ort ist, begegnete ich Karsten und Claudia Greve regelmässig. Eines Tages fragten sie mich, ob ich jemanden kenne, der an einer Vollzeitstelle in der St. Moritzer Galerie interessiert wäre. Die Idee reizte mich, also schlug ich kurzerhand mich selbst vor. Ich begann in einer Einstiegsfunktion und arbeitete mich mit der Zeit nach oben.

Was ist das Schönste an Ihrer Arbeit?
Ich würde es nicht im klassischen Sinn als «aufregend» bezeichnen, aber es ist zutiefst erfüllend, die Seele der Galerie zu verkörpern. Jede Besucherin und jeder Besucher weiss genau, auf wen sie oder er trifft – das schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist heute kostbarer denn je.

Gibt es aktuell jemanden aus der Kunstszene, dessen Arbeit Sie derzeit besonders spannend finden?
Ja, einen lokalen Künstler namens Daniel Meuli. Ich bewundere seine Arbeit sehr. In seinem Projekt in Soglio widmet er sich den alten Kastanienbäumen, die bereits vor fast 1‘600 Jahren von den Römern gepflanzt wurden. In ihrem Inneren wächst ein Pilz, der durch die Klimaerwärmung ihr Überleben bedroht. Mit seiner Camera Obscura dokumentiert er dieses faszinierende Zusammenspiel von Natur und Wandel. Viele seiner Aufnahmen zeigen die Bäume wie beseelt – voller Leben. Andere wirken verblasst, regen aber dennoch zu einer stillen, philosophischen Betrachtung über Zeit, Vergänglichkeit und Widerstandskraft an.

Wen würden Sie am liebsten einmal durch Ihre Galerie führen?
Die amerikanische Malerin Georgia O’Keeffe. Sie war nicht nur eine aussergewöhnliche Künstlerin, sondern hatte auch etwas Mystisches an sich – eine Aura, die in ihren Werken spürbar bleibt.

Wie würden Sie die Galerie in drei Worten beschreiben
Aussergewöhnlich. Zeitlos. Intim.

Die Ausstellung „Autumn Whispers“ in der Galerie Karsten Greve ist vom 13. September bis zum 15. Dezember 2025 geöffnet. Danach folgt die Winterausstellung.