Vom Schnee aufs Wasser

Mit 18 hat die St. Moritzerin Tine Rossel den Sprung vom Schnee aufs Wasser gewagt. Nach über zehn Jahren im Skirennsport setzt sie jetzt alles auf den Segelkatamaran Nacra 17 – und verfolgt ein klares Ziel: Olympia 2028.
vonCarmen Baumann

Carmen Baumann ist Head of Marketing Services. Wie Seglerin Tine Rossel kennt sie den Malojawind seit ihrer Kindheit – am liebsten spürt sie ihn beim Windsurfen. Segeln hingegen ist nicht so ihr Element, seit sie als Teenager mit dem Optimisten haderte.

Wie ist es dazu gekommen, dass du vom Ski-Leistungssport zum Segeln gewechselt hast?
Ich habe mit dem Skifahren angefangen, als ich zwei Jahre alt war. Mit sieben bin ich meine ersten Skirennen gefahren – insgesamt war ich über zehn Jahre im Rennsport aktiv. Segeln war für mich immer der Ausgleich, mein Ort zum Abschalten. Jeden Mittwoch nach der Schule und jedes Wochenende bin ich direkt zum Segelclub gegangen. Mein Vater leitete dort die Segelschule, also war ich oft auf dem Wasser.
Im Skifahren hatte ich immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen – und irgendwann machte es mir nicht mehr so viel Spass wie früher. An einer Feier sprach mich dann jemand an, ob ich mir vorstellen könnte, professionell zu segeln. Ein Jahr später bin ich direkt vom Skitraining in Levi nach Sizilien gereist und habe dort einen zweiwöchigen Test auf dem Segelboot gemacht. Danach hatte ich zwei Wochen Zeit, mich zu entscheiden: Skifahren oder Segeln? Ich habe mich für das Segeln entschieden.

Was fasziniert dich am Segeln?
Für mich ist das Faszinierende, dass man sich nur mit der Kraft der Natur fortbewegen kann – ganz ohne Motor. Die schnellsten Boote fahren über 100 km/h. Wir mit dem Nacra 17 erreichen rund 40 km/h, bei guten Bedingungen auch mal 50 km/h. Das ist schon ein Tempo! Man fühlt sich unglaublich frei. Es ist einfach ein tolles Gefühl, mit dem Wind so schnell unterwegs zu sein.

Ein Moment, den ich nie vergessen werde, war mein erster «Flug» mit dem Nacra 17 – als das Boot sich aus dem Wasser hebt. Ich dachte nur: «Wow, ist das cool!» Gleichzeitig war es auch etwas angsteinflössend, weil man kurz das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren. Besonders zu Beginn waren die Bedingungen auf dem Meer mit Wind, Wellen und Strömung neu für mich – aber genau das macht diesen Sport so besonders.

Nacra 17 – was bedeutet das genau?
Ein Nacra ist ein foilender Katamaran der olympischen Klasse. «Foilend» bedeutet, dass das Boot mithilfe von Tragflächen – ähnlich wie Flügel bei einem Flugzeug – aus dem Wasser gehoben wird. Dadurch entsteht kaum Widerstand, und wir können viel schneller segeln.
Der Nacra 17 ist ein Mixed-Boot, das heisst: Frau und Mann segeln zusammen. Wer welche Position übernimmt, ist offen. Bei uns übernimmt mein Segelpartner Andrea Aschieri das Steuern und die Taktik, ich bin auf dem Vorschiff.

Wie hilft dir dein Background als Leistungssportlerin beim Segeln?
Ich weiss, wie viel Arbeit nötig ist, um erfolgreich zu sein – das hilft enorm. Und natürlich meine Fitness: Die Vorschiff-Position ist körperlich sehr fordernd, man könnte sagen, es ist wie vier Stunden lang CrossFit.
Was ich auch mitgebracht habe: den Umgang mit viel Material. Ich hatte mir eigentlich geschworen, nach dem Skifahren nie mehr Material herumzuschleppen – jetzt transportieren wir immerhin alles in einem Anhänger.
Aber: Es ist zeitaufwändig. Für einen Tag auf dem Wasser brauchen wir mindestens drei – ein Tag fürs Aufbauen, ein Tag fürs Segeln, ein Tag fürs Abbauen. Deshalb bleiben wir möglichst lange an einem Ort.
Und auch sonst: Wenn wir zwei Stunden segeln, stehen wir sicher eine Stunde an Land, um etwas zu reparieren. Das Boot braucht einiges an Unterhalt.

Das ikonische St. Moritz-Logo ist auf deinem Segel zu sehen. Was bedeutet das für dich?
Sehr viel – es ist ein Stück Heimat, das ich immer bei mir trage. In St. Moritz habe ich meine Leidenschaft fürs Segeln entdeckt. Es ist besonders schön, hier zu trainieren – auch wenn der Wind oft dreht und anspruchsvoll ist. Deshalb nutzen wir den See vor allem für Manövertraining.
Und in meiner Freizeit bin ich auch gerne auf dem Wasser – mit Freunden oder alleine, mit einem anderen Boot. Das ist nach wie vor mein Ausgleich.

Was sind eure langfristigen Ziele?
Unser grosses Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Dafür muss sich zuerst die Schweiz als Nation qualifizieren – ab 2026 über verschiedene Weltcups.
Aktuell gibt es zwei Schweizer Teams, beide um die 20 Jahre alt. Wenn die Schweiz einen Startplatz erhält, entscheidet der Verband, welches Team zu Olympia fährt – es gibt nur einen Spot. Und um diesen kämpfen wir mit vollem Einsatz!

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