Strich für Strich: Wie Penelope Misa in der Kunst ihre Stimme fand

Penelope arbeitet draussen und zeichnet en plein air – jeder Landschaft nähert sie sich mit dem unverbrauchten Blick einer Besucherin. In St. Moritz inspirierten sie die Alpenblumen, das türkisfarbene Wasser des St. Moritzersees und die goldenen Lärchen im Herbst – drei Szenen, in denen sie die ruhige und zugleich kraftvolle Energie der Destination einfangen konnte.
vonCarmen Baumann

Carmen interessiert sich für Menschen und ihre Geschichten. Es fasziniert sie, einen Ort, den sie Heimat nennt, in Kunst übersetzt zu sehen – und St. Moritz und das Engadin durch die Augen derjenigen neu zu entdecken, die es zum ersten Mal erleben.

Wie bist du zur Illustration gekommen, speziell zur Wintersport-Illustration?
Skifahren war schon immer meine Sache. Ich bin in Park City in Utah aufgewachsen und liebte Sport, war gern draussen und immer in Bewegung.

Ich habe eine Kunsthochschule besucht und dort eine klassische Ausbildung gemacht, aber mit der Richtung, in die wir gedrängt wurden, hatte ich etwas Mühe. Der Fokus lag stark darauf, Galeriekünstlerin zu werden, und das war eigentlich das einzige Modell, das man uns zeigte. Das war einfach nicht ich. Ich ging in Galerien und dachte: Hier sehe ich mich nicht.

Also begann ich mich zu fragen, ob ich mir nicht ein Leben rund um die Dinge aufbauen könnte, die mich wirklich begeisterten – indem ich einfach weiter meinen eigenen Leidenschaften folgte: Wandern, Skifahren, draussen sein.

Später machte ich eine Lehre bei einem Goldschmiedemeister und arbeitete sieben Jahre in diesem Beruf. Das war schön: Ich hatte einen kreativen Beruf, konnte meine eigene Kunst aber davon trennen. Ich war Anfang zwanzig und immer noch auf der Suche nach meiner Stimme. Ich kam aus einer wohlbehüteten Mittelschichtsfamilie und hatte damals ehrlich gesagt das Gefühl, nichts zu sagen zu haben.

Wie hast du deine Stimme gefunden?
Ich wurde von einer Lawine erfasst und wäre fast gestorben. Das war genauso traumatisch, wie es klingt. Ich war mit meinem damaligen Freund unterwegs – meiner ersten Liebe – und so etwas gemeinsam durchzumachen, war einfach zu viel. Da war viel Trauer und viel zu verarbeiten.

Danach hörte ich für ein paar Jahre mit dem Skifahren auf. Ich schaffte es einfach nicht, wieder rauszugehen. Ich wurde schwer depressiv, und dabei war Skifahren immer meine Ausdrucksform gewesen. Also fing ich stattdessen an zu meditieren und zu malen. Ich fragte mich: Wie will ich mich beim Skifahren wieder fühlen?

Ich war umgeben von Olympioniken aufgewachsen, von Leuten an der absoluten Spitze. Aber irgendwann merkte ich, dass ich fast nur noch mit Männern Ski und Mountainbike fuhr, und diese Energie wurde mir zu viel. Alles war Intensität und Leistung. Ich fuhr gut Ski, aber es machte mir keinen Spass mehr.

Da fing ich an, diese kleinen nackten Skifahrerinnen auf alles zu malen – auf Leinwände, Tassen, Shirts, auf alles, was mir in die Finger kam.

Wofür stehen diese nackten Frauen?
Es war eine Art, schwere Gefühle und ein nachwirkendes Trauma abzustreifen. Es floss einfach aus mir heraus. Ich hatte nicht vor, damit Geld zu verdienen. Ich wollte mich einfach frei fühlen und mich von allen Erwartungen freimachen.

Ich bin in einem sehr strengen Elternhaus aufgewachsen. Da galt: Wenn du Sport machst oder lernst, musst du die Nummer eins sein. Das hat mir Antrieb gegeben, und ich arbeite gerne auf ein Ziel hin. Aber es hat mir auch einen Teil der Freude genommen. Da blieb kaum Raum, einfach zu spielen und Dinge auszuprobieren. Diese Serie mit den nackten Skifahrerinnen hat mich also zurück zum Skifahren gebracht … nur für mich. Nur zum Spass. Mit der Zeit ging ich mit meinen Illustrationen und meiner Geschichte mehr nach aussen. Und rund um meine Kunst wuchs eine Community, die mich getragen hat. Das gab mir den Anstoss, meine Arbeiten zu verkaufen.

Ich liebe ausserdem den weiblichen Körper, und für mich wurde daraus eine Würdigung – ein Tribut an die Frauen in meinem Leben. Gute Freundinnen, die es in ihren Berufen weit gebracht haben. Die Unglaubliches geleistet haben. Es soll Spass machen, aber es ist eben auch eine Hommage an all die Frauen, die mich geprägt haben.

Wir haben dich für ein Sommer- und Herbstprojekt engagiert. Was bedeuten dir diese Jahreszeiten?
Für mich geht es um Freiheit: um die Freiheit, die ich beim Malen spüre, und um die Freiheit, die hoffentlich jemand spürt, der meine Kunst anschaut. Und ehrlich: Es gibt nichts Besseres, als nach einer langen Wanderung das Oberteil auszuziehen, sich ins Gras zu legen und die Sonne zu geniessen. Natürlich liebe ich Winterlandschaften, aber die anderen Jahreszeiten liebe ich genauso.

Wie gehst du vor, wenn du vor Ort bist?
Ich liebe das Skizzieren en plein air. Ich bin hier fremd, das macht mich etwas nervös. Für diese Kampagne halte ich das aber tatsächlich für einen Vorteil. Ich sehe alles mit frischen Augen.

Ich bin wie ein Gast, der den Ort zum ersten Mal entdeckt. Ich renne herum, mache Fotos, arbeite schnell, werfe lose Bewegungsskizzen aufs Papier und versuche, den Charakter dessen einzufangen, was ich sehe.

Führ uns durch die drei Illustrationen – was hat dich zu diesen drei Szenen inspiriert?
Die schiere Schönheit des Engadins und alles, was es zu bieten hat, hat mich enorm angezogen. Für alle, die gern draussen sind und die Natur lieben, ist es der ultimative Spielplatz. Und es wurde mir enorm wichtig, einen Weg zu finden, diese luxuriöse, ruhige und zugleich kraftvolle Energie von St. Moritz spürbar zu machen. Der Ort ist ein einziger Energiewirbel.

Ich liebe all die Aussichtspunkte über dem schönen Ort, und mir war klar: Ich will eine Frau zeichnen, die zwischen Alpenblumen liegt und die Aussicht auf sich wirken lässt.
Als Nächstes kam mir der St. Moritzersee in den Sinn, dieses einladende türkisblaue Wasser. Ich sah eine einzelne Figur vor mir, allein am Segeln, den Wind in den Haaren und das Segel, das sich seufzend gegen den Himmel spannt.

Das Herbstbild schliesslich wurde von den unbestreitbar einzigartigen goldenen Lärchen inspiriert, die die Landschaft mit ihrem kupfernen, feurigen Leuchten verwandeln. Es ist vielleicht meine liebste Jahreszeit zum Trailrunning, und ich wollte dieses Gefühl einfangen, frei zu laufen, während die goldenen Nadeln von den Bäumen fallen.

Der Besuch war unglaublich inspirierend – Einheimische treffen, diese Natur erleben, die diesen Flecken Erde so besonders macht. Dieser Zauber lässt einen nie ganz los. Deshalb kann ich es kaum erwarten, nach St. Moritz zurückzukehren.

Was sollen die Leute am Ende sehen und fühlen, wenn sie deine Illustrationen anschauen?
Ich will, dass jemand die Bilder anschaut und denkt: Da will ich hin. Ich möchte das Gefühl weitergeben, das ich an diesem Ort hatte. Und wenn mir das mit meinen Linien und meinem Blick gelingt, dann habe ich getan, wofür ich gekommen bin.

Hier geht’s zu den Postern:

Quiet Waters
St. Moritz Reverie
Golden Hour

Quiet Waters by Penelope Misa x St. Moritz

St. Moritz Reverie by Penelope Misa x St. Moritz

Golden Hour by Penelope Misa x St. Moritz

Quiet Waters by Penelope Misa x St. Moritz

St. Moritz Reverie by Penelope Misa x St. Moritz

Golden Hour by Penelope Misa x St. Moritz

Quiet Waters by Penelope Misa x St. Moritz

St. Moritz Reverie by Penelope Misa x St. Moritz

Golden Hour by Penelope Misa x St. Moritz