Georgia Hauser: Zurück zum eigenen Rhythmus

Von ihrer Zeit als Rettungssanitäterin bis zu ihrer heutigen Arbeit als Holistic Health Coach hat Georgia Hauser gelernt, dass wahre Resilienz mit Präsenz beginnt – mit dem Atem, dem Körper und einer tiefen Verbindung zur Natur. In unserer neusten Story spricht sie über Gesundheit als Zusammenspiel von Körper, Geist und Energie und teilt eine einfache Sunrise-Breathing-Übung, um den Tag mit Klarheit und Ruhe zu beginnen.

Für Georgia Hauser lässt sich Gesundheit nicht auf eine einzelne Disziplin, Technik oder einen Trend reduzieren, sondern ist etwas weitaus Dynamischeres. Eine lebendige Beziehung zwischen Körper, Geist und Energie, die erlebt und nicht nur verstanden werden muss. Im Laufe der Jahre hat Georgia ein breites Spektrum rund um Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden erforscht. Anstatt sich auf ein starres Konzept festzulegen, entwickelte sie ihre Arbeit schrittweise zu einem integrativen Ansatz weiter. Dieser verbindet wissenschaftliches Wissen mit Körperwahrnehmung, Atemarbeit und einer umfassenderen Auseinandersetzung mit menschlichem Potenzial. Und selbst nach Jahren des Studiums und der Praxis sieht sie ihren Weg noch lange nicht als abgeschlossen an.

Für mich hört das Lernen nie wirklich auf. Es gibt so viele Themen, die mich weiterhin faszinieren. Ich denke, die Wissenschaft hat das menschliche Potenzial noch lange nicht voll erschlossen.

Auch wenn die moderne Forschung in gewissen Bereichen der Physiologie grosse Fortschritte gemacht hat – etwa beim Atmen, das heute in vieler Hinsicht gut verstanden wird –, sieht Georgia weiterhin grosse Lücken im Gesamtverständnis des Körpers. Die Kraft der Gedanken, der Fluss von Energie im und über den Körper hinaus, die Beziehung des Menschen zur Natur oder auch Aspekte der Quantenphysik sind für sie Bereiche, die auf tiefere Zusammenhänge hinweisen, die wir erst ansatzweise zu verstehen beginnen. Gleichzeitig interessiert sie sich stark für indigene und traditionelle Praktiken, die sich seit Jahrhunderten mit diesen Themen befassen. Oft habe sie das Gefühl, dass frühere Kulturen gewisse Prinzipien intuitiv verstanden hätten, mit denen sich die Wissenschaft erst jetzt beschäftigt. Wenn wissenschaftliche Neugier auf altes Wissen trifft und dabei Offenheit bewahrt bleibt, kann daraus etwas Kraftvolles entstehen.

Bevor sie sich vollständig dem ganzheitlichen Gesundheitscoaching widmete, arbeitete Georgia mehrere Jahre als Rettungssanitäterin. Diese Tätigkeit brachte sie immer wieder in Situationen, in denen sich innerhalb von Sekunden alles verändern konnte. Es waren Momente, die Klarheit, Präsenz und die Fähigkeit verlangten, ohne zu zögern zu handeln. In Notfällen, so erklärt sie, bleibt schlicht keine Zeit für Unsicherheit oder Zweifel. Man muss ruhig bleiben, fokussiert sein und ganz im Moment handeln.

«Für mich bedeutet mentale Resilienz weder Härte noch das Unterdrücken von Emotionen. Vielmehr bedeutet es, auch in chaotischen Situationen geerdet zu bleiben.»

Diese Erfahrungen haben ihr Verständnis von Resilienz nachhaltig geprägt. Für sie bedeutet Stärke nicht emotionale Distanz, sondern die Fähigkeit, auch bei Unsicherheit stabil zu bleiben. Eines der wichtigsten Werkzeuge in solchen Momenten ist etwas sehr Einfaches: die Atmung. Die bewusste Steuerung der Atmung half ihr, auch in stressigen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren – eine Fähigkeit, die ihre Arbeit heute wesentlich prägt.

Die Arbeit im Rettungsdienst konfrontierte sie zudem mit einem Thema, das viele Menschen lieber verdrängen: dem Tod. Mit der Zeit entwickelte sie einen natürlicheren Umgang damit, wie sie sagt. Der Tod war in ihrem Arbeitsalltag kein abstraktes Konzept, sondern ein realer Teil des Lebens. In vielen modernen Gesellschaften wird er hingegen oft ausgeblendet oder auf Distanz gehalten. Doch die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit kann den Blick auf das Leben grundlegend verändern. Wenn Menschen erkennen, dass ihre Zeit begrenzt ist, verschieben sich ihre Prioritäten. Das Leben wird bewusster, aufmerksamer und oft auch dankbarer gelebt.

Heute lebt Georgia in St. Moritz, eingebettet in die alpine Landschaft des Engadins. Sie sagt oft, dass sie sich den Bergen zugehörig fühlt und dass diese Umgebung ihre Arbeit stark beeinflusst. Wer die Natur aufmerksam beobachtet, entdeckt eine Komplexität und Harmonie, die zugleich demütig macht und inspiriert. Ein Wald ist nicht einfach eine Ansammlung einzelner Bäume. Unter der Erde existiert ein fein verzweigtes Netzwerk, über das Bäume mit Pilzen kommunizieren und Nährstoffe sowie Informationen austauschen. Dieses System beginnt die Wissenschaft erst allmählich besser zu verstehen. Es basiert auf Gleichgewicht, Zusammenarbeit und ständiger Anpassung.

«Wenn man beginnt, die Natur genauer zu beobachten, wird sie unglaublich faszinierend. Alles ist miteinander verbunden und perfekt aufeinander abgestimmt.»

Der Mensch reagiert auf diese natürliche Ordnung häufig stärker, als ihm bewusst ist. Viele kennen das Gefühl mentaler Überforderung: zu viele Gedanken, zu viele Aufgaben, ein ständiger Strom an Informationen. Und dann geht man hinaus in den Wald. Für einen selbst hat sich äusserlich nichts verändert, doch innerlich geschieht etwas. Die Gedanken werden ruhiger, die Atmung vertieft sich und langsam kehrt Klarheit zurück. Die Landschaft rund um St. Moritz verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Die Weite und Schönheit schaffen Raum – nicht nur im Aussen, sondern auch im Inneren.

Dennoch haben viele Menschen heute den Bezug zur Natur weitgehend verloren. Ihr Alltag findet vorwiegend in Innenräumen statt, umgeben von Beton, künstlichem Licht und digitalen Bildschirmen. In diesem Umfeld gerät leicht in Vergessenheit, dass der Mensch nicht von der Natur getrennt existiert, sondern ein Teil von ihr ist. Zunehmend bestätigt auch die Forschung, was viele intuitiv empfinden. Schon der einfache Kontakt mit der Natur, ob bei einem Spaziergang im Wald, an der frischen Luft oder beim Berühren von Erde, kann sich positiv auf Körper und Geist auswirken. Die Rückverbindung mit dieser Realität ist für Georgia ein wichtiger Schritt hin zu mehr Balance.

Trotz ihres ganzheitlichen Ansatzes betont sie, dass dieser nicht im Widerspruch zur Wissenschaft steht. Der Begriff «ganzheitlich» werde oft missverstanden und mit etwas Vagem oder Unwissenschaftlichem gleichgesetzt. Dabei zeigen immer mehr Studien, wie eng physiologische Prozesse, Emotionen und Denkmuster miteinander verknüpft sind. Forschungen zu Stress, Atmung, Regulation des Nervensystems oder der Darm-Hirn-Achse weisen alle in dieselbe Richtung und führen zu einem integrierten Verständnis von Gesundheit.

Trotz ihres ganzheitlichen Ansatzes betont sie, dass dieser nicht im Widerspruch zur Wissenschaft steht. Der Begriff «ganzheitlich» werde oft missverstanden und mit etwas Vagem oder Unwissenschaftlichem gleichgesetzt. Dabei zeigen immer mehr Studien, wie eng physiologische Prozesse, Emotionen und Denkmuster miteinander verknüpft sind. Forschungen zu Stress, Atmung, Regulation des Nervensystems oder der Darm-Hirn-Achse weisen alle in dieselbe Richtung und führen zu einem integrierten Verständnis von Gesundheit.

Georgia interessiert sich persönlich dafür, Zusammenhänge zu verstehen und verständlich zu erklären. Gleichzeitig hat sie jedoch auch gelernt, dass sich nicht alles sofort erklären lässt. In ihrer Arbeit erlebt sie immer wieder Veränderungen, die sich mit den heutigen wissenschaftlichen Modellen nur schwer beschreiben lassen. In solchen Momenten ist Bescheidenheit wichtig. Die Wissenschaft entwickelt sich weiter und was heute noch unklar erscheint, kann morgen besser verstanden werden.

Ein Muster, das sie besonders häufig beobachtet, ist die Entfremdung vieler Menschen von ihrem eigenen Körper und ihren Emotionen. Wenn jemand angibt, gestresst oder ängstlich zu sein, stellt sie oft die einfache Frage: «Wie zeigt sich dieses Gefühl im Körper?» Erstaunlich oft fällt die Antwort schwer. Die Aufmerksamkeit ist über lange Zeit nach aussen gerichtet worden, auf Anforderungen, Informationen und ständige Reize, sodass die Wahrnehmung nach innen verloren gegangen ist.

Der Weg zurück beginnt mit Bewusstsein. Achtsamkeit ist für sie kein abstraktes Konzept, sondern eine praktische Fähigkeit und letztlich auch eine Lebensweise, die sich durch einfache Übungen entwickeln lässt. Manchmal reicht es, ruhig zu sitzen, die Augen zu schliessen und wirklich zuzuhören, was im Inneren geschieht, ohne es sofort zu bewerten. Wenn Emotionen zugelassen werden, ohne sie zu verdrängen, entsteht allmählich eine gesündere Beziehung zur eigenen Innenwelt.

«Der Atem ist vielleicht das grösste Geschenk, das wir haben. Wir können weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft atmen. Es bringt uns immer zurück in den Körper und in den gegenwärtigen Augenblick.»

Im Zentrum ihrer Arbeit steht ein Modell, das aus drei miteinander verbundenen Ebenen besteht: Energie, Körper und Geist. Sie betrachtet diese nicht getrennt voneinander, sondern als Teile eines dynamischen Systems. Das Bewusstsein wirkt dabei als ordnende Instanz, die Wahrnehmung und Entscheidungen beeinflusst. An der Basis steht die Energie als tiefere Motivation hinter dem Wunsch nach Gesundheit und Entwicklung sowie als Sinn, der Veränderung trägt.

Diese Ebenen werden durch die fünf praktischen Säulen Atmung, Ernährung und Entgiftung, Umwelt, Bewegung sowie Ruhe und Schlaf ergänzt. Sie greifen ineinander und bilden eine Struktur, die Selbstregulation und langfristige Balance fördert.

Rückblickend auf ihren eigenen Weg vom Rettungsdienst hin zu ihrer Arbeit im ganzheitlichen Gesundheitscoaching sieht Georgia die wichtigste Erkenntnis darin, von innen nach aussen zu leben. Auf die eigene innere Stimme zu hören, führt Schritt für Schritt zu mehr Klarheit über Sinn und Richtung. Gleichzeitig lernen Menschen, ihre Muster, Gedanken und Gewohnheiten besser zu verstehen – und damit auch sich selbst.

In diesem Verständnis bedeutet Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern umfasst auch innere Ruhe und Ausrichtung. Ein solches Leben erfordert den Mut, sich von äusseren Erwartungen zu lösen und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Zum Abschluss unseres Gesprächs bitten wir Georgia, eine ihrer einfachsten Übungen zu teilen, die sie selbst praktiziert und auch mit ihren Klienten anwendet, insbesondere bei schönem Wetter: das «Sunrise Breathing».

«Sunrise Breathing ist eine einfache Atemübung, die bei Sonnenaufgang in der Natur durchgeführt wird. Das Ziel besteht darin, Körper und Geist auf sanfte Weise zu aktivieren, indem bewusste Atmung mit der ruhigen Energie des Morgens verbunden wird.»

Die stille Energie des frühen Morgens schafft einen natürlichen Moment der Ruhe. In Kombination mit bewusster Atmung werden Körper und Geist behutsam aktiviert. Gerade weil die Übung so einfach ist, lässt sie sich gut in den Alltag integrieren. Ein solcher Start in den Tag kann laut Georgia den weiteren Verlauf spürbar beeinflussen.

Letztlich kehrt ihre Philosophie zu einer einfachen Idee zurück, die sich durch ihre gesamte Arbeit zieht. Wenn Menschen sich wieder mit ihrem Atem, ihrem Körper und den natürlichen Rhythmen des Lebens einlassen, finden sie oft zu einem ruhigen Gleichgewicht zurück, das immer schon da war.