Fast wie Fliegen auf dem Silvaplanersee

Unser Autor hat auf dem Silvaplanersee das Segeln ausprobiert – genauer gesagt: das Foilen. Zwischen Malojawind, Funkhelm und 19 Knoten erkennt er, dass Segeln weniger mit maritimer Eleganz als mit Kraft, Taktik und dem richtigen Moment zu tun hat. Eine Geschichte über Wind, Licht und das überraschend wilde Engadin.
vonKonstantin Arnold

Der Concierge fuhr mich zum Silvaplanersee, der hellblau dalag und einen auf Karibik machte. Ein leichter Wind strich ihm übers Gesicht. Nadelwälder wagten sich bis ans Ufer. Das Boot stand bereit und ein netter Schweizer grüsste und sagte, er wäre Mathias, mein Segeltrainer. Im Winter würde er als Skilehrer arbeiten, im Sommer tue er das hier. Segeln wäre nun mal seine Leidenschaft. Vor allem das Foilen. Ich fragte, was genau das ist und er sagte, das würde ich schon noch sehen, wobei, ich wäre etwas zu schwer und der Wind etwas zu schwach, aber wenn wir das Boot einmal aus dem Wasser bekommen, wäre es wieder gut, dass ich so schwer bin. Er wüsste nicht, ob uns das heute gelinge und sagte für den Fall, dass ich es nicht schon noch sehen würde, es wäre toll, fast wie Fliegen, nur übers Meer. Zwei Tragflügel unter dem Wasser sorgen durch Strömungen für jenen Auftrieb und einen geringen Wasserwiderstand. Ansonsten gab es keine Theorie und wir gingen gleich ins Boot, learning by doing, ganz so wie ich es gerne hatte.

Natürlich hatten wir alle möglichen Schutzmassnahmen an. Neoprenanzüge, Schwimmwesten, einen Helm mit Funk. Ich kam mir wie eine überregulierte Alpennation vor, die zwischen den Achsenmächten immer für Neutralität gesorgt hat. Mathias sagte mir über Funk, dass die anderen Segler sagen, dass das gar kein richtiges Segeln sei, wenn man das über Funk sagt und foilt, aber ihm wären die anderen Segler egal. Mir auch, sagte ich über Funk. Er sagte nochmal, wir wären ein bisschen schwer, aber wenn wir das schaffen, wäre es hilfreich, wenn ich mich mit meinem Gewicht gegen den Wind lehne. Wir schafften auf Anhieb sechs Knoten und hoben ab.

Mit 19 flogen wir übers Wasser, obwohl der Wind nicht mal zehn hatte. Man nennt das scheinbaren Wind, da man vor dem Wind segelt, sobald man eine Böe eingefangen hat. Böen kann man nicht sehen, aber man sieht die Wasseroberfläche und wie sie sich krümmt und hofft. Mathias sass hinten am Steuer und hielt den Baum, ich war vorne, duckte mich in den Wenden und hielt die Vorsegel, eine Fock und die Genua. Wir machten das ein paar Mal. Der Wind drehte aus allen möglichen Richtungen. Mathias meinte, das wäre verrückt. Ich sah die Böen über den See kommen und wenn dann tatsächlich Wind war und wir den kriegen konnten, war es richtig Sport, mit Wenden und Aufpassen, dass man vom Baum nicht bewusstlos geschlagen wird und stirbt.

Manchmal passierte gar nichts und wir warteten und sprachen über das Segeln und kamen uns dumm vor, so übertrieben in Sicherheitskleidung gehüllt. Im trockenen Neopren wurde es warm. Nur die Windsurfer sahen ohne den Wind noch dümmer aus. Mathias erzählte dann ein bisschen, wie sonst alles so läuft. Ich erzählte ihm von den Polohemden und Tennisschuhen und der Frau, die den Marquis im Vatikan geheiratet hat und dass Segeln für mich schon immer interessant und irgendwie auch so gewesen war. Hier wäre das interessant, weil das Boot so klein und so leicht ist, dass man für jede Aktion eine direkte Reaktion erhält. Segeln ist dann nicht nur drei Stunden geradeaus fahren, zwischen den Äolischen Inseln, sondern richtige Strategie, je nachdem, wie der Wind ist.

Bei Regatten gibt es einen, der allein für diese Taktik verantwortlich ist, ob man den schnellsten Weg fährt, hart am Wind oder am schnellsten, was ein Unterschied ist, wenn man Vorfahrten und das Ausnutzen von Vorfahrten bedenkt. Bis dahin waren Regatten für mich immer nur Geradeausfahren oder eben im Zickzack, je nachdem, wer was tat und wen wie beschneiden wollte. Mathias erklärte mir, wie man am schnellsten fährt und wie man die schnellste Route wählt und wieso Ferrari jetzt in den Segelsport eingestiegen ist und die ganze Sache revolutioniert und dass es eben immer noch Segeln ist oder noch mehr, weil man bei solchen Windstärken Knöpfe drückt, die einem bei falschem Drücken raus aufs Meer fegen.

So kleine Segelboote, ohne Kiel, mit Schwert, so wie seins, können kentern, was er mir gleich demonstrierte. Er stellte sich dafür auf eine Seite, bis das Boot kippte und Mast first auf die Wasseroberfläche fiel. Gleich darauf sank der Mast senkrecht nach unten und Mathias stellte sich obendrauf. Um das Boot nun wieder aufzurichten, hing er sich ans Foil, dann ans Schwert, bis das Boot langsam zu kippen begann und sprang dann zwischen Reling und Baum zurück ins Boot. Das sah brutal aus, aber er und das Boot waren dafür gemacht. Ich konnte das nicht glauben. Auch nicht, wie leicht man bei ein paar Windstärken aus dem Boot fliegen kann und was für Kräfte dann wirken. Wer einmal 19 Knoten gespürt hat, sagt so schnell nichts mehr, vor allem nicht, dass Segeln mit Knopfdruck kein Segeln ist, so wie ich, weil man bei solchen Kräften, ohne Hydraulik, kaum ein nimm2 lutschen kann. Man merkte das, sobald eine Böe kam. Dann ging alles sauschnell und war laut und ich musste vor, zurück, rein und mich rauslehnen, mehr Leine geben und weniger, und dann immer straffer ranziehen, mit ganzem Gewicht. Es war toll, so auf dem Boot zu sein oder aus dem Boot gegen die Segel im Wind zu liegen und den Wind zu spüren und die Kraft und alles, was man auf grösseren Booten nicht spürt, wenn man einen Drink in der Hand hält und Stunden geradeaus segelt. Das Gewicht, das vorher schlecht gewesen ist, war dann gut mit all den Nadelwäldern am Hang, die an einem vorbeifliegen, auf brutalem Fels, Millionen Jahre alt, einfach so, während wir uns diesen gemeinsamen irdischen Moment auf dem See so schön wie möglich machen.

Besser als so ein Segel im Malojawind klingen sonst nur die Kornfelder der Emilia. Wellenbewegung, die einen in Zustände wiegt, wie man sie sonst nur kennt, wenn man in Italien ist und ein bisschen zu viel Wein getrunken hat. Nachts träumt man wild. Früh am Morgen wird man wach. Die Welt ist noch blau, Kirchenglocken, 16 Grad, etwas, das die Schweizer schon Sommer nennen. Nach dem Frühstück spielten wir Tennis, lasen in der Lobby oder schrieben Briefe und ich segelte nach dem Lunch. Es war schön, in einem Hotel zu sein und andere Dinge zu tun, als nur im Hotel zu sein, so wie Sport. Einmal kam sie sogar mit, aber sie ist eine richtige, südländische Frau, der dann kalt ist und die essen muss, wenn der Wind stimmt, auf den man sein Leben lang gewartet hat.

Daneben ist mir vor allem dieses Licht in Erinnerung geblieben, morgens. Es strahlt aus der Stille, in Streifen über die Berge ins Tal. Die Felsenwände lassen dann keine Gedanken zu. Welche Gewalt, die von so einer Macht ausgeht. Hier schien der Mond noch durch die Kiefern, wie die Romantik das gerne gehabt hätte. Goldgrüne Wiesen im Tal. Ein Blick, schöner als Fernsehen, selbst wenn was über die Salmiherstellung im Tessin läuft. So blieben wir eine Zeit, atmeten dünne Luft und wussten morgens nie, wer wir sind, wo und wie viele. Wir blieben, bis wir aufhörten, die Schweizer zu grüssen, die uns nie grüssten. Nur die Besitzer grüssten immer, was auch anstrengend ist, wenn man essen will und sich morgens nicht gern unterhält. Man spricht dann über Proust, Hesse, das Wetter, schweift ab und denkt darüber nach, wie man seinen Sommer im Engadin verbrachte und vor der Hitze flüchtete genauso wie die.