Die Pferdemalerin
Unsere Autorin kann weder besonders gut malen noch reiten, liebt es aber, Menschen über ihre Leidenschaften zu interviewen und ihre Begeisterung weiterzugeben. Unser Fotograf hat Actionaufnahmen gegen das Beobachten trocknender Farbe eingetauscht – und findet sich noch im Leben in St. Moritz zurecht.

Du hättest alles Mögliche malen können, aber hast sich für Pferde entschieden. Was macht sie zu deinem Lebensthema?
Ich war schon sehr früh völlig besessen von Pferden, und ich habe nie etwas anderes gemalt. Selbst als ich fünf war, habe ich wirklich nur Pferde gezeichnet. Malen und Pferde waren und sind bis heute meine beiden Leidenschaften.
Wusstest du also schon immer, dass du Künstlerin werden willst?
Überhaupt nicht. Ich wollte Tierärztin werden, weil ich Pferde liebe und mich um sie kümmern wollte. Aber mit 16 bin ich in der Schule durchgefallen und habe realisiert, dass ich kein Veterinärmedizin-Studium absolvieren kann. Meine Eltern schlugen vor, dass ich stattdessen nach Florenz gehen und Malerei studieren solle. Drei Jahre lang haben wir Porträts von Menschen gemalt, aber ich wusste, dass ich keine Menschen malen wollte. Ich wollte nur Pferde malen. Sobald ich von dort weg war, habe ich mich voll und ganz darauf konzentriert, und das mache ich bis heute.
Wie unterscheiden sich Pferde als Models von Menschen?
Pferde bewegen sich zwar mehr, haben es aber nie eilig. Da ich immer live und nie nach Fotos male, arbeite ich mit einer Hilfsperson zusammen, die mir dabei hilft, das Pferd zu positionieren. Wenn es ein Bein bewegt, setzen wir es einfach wieder an die gleiche Stelle zurück. Menschen haben oft einen vollen Terminkalender und wenig Zeit. Pferde haben den ganzen Tag Zeit. Ich kann drei Stunden mit einem Pferd im Stall verbringen, ohne dass es irgendwohin muss.

Du malst oft in Lebensgrösse. Wie machst du das?
Ich male am liebsten in Originalgrösse. Je grösser, desto besser. Ich liebe die Idee, dass jemand einen Raum betritt und plötzlich das Gefühl hat, da stehe ein echtes Pferd. Natürlich hat nicht jede Person Platz dafür, aber für mich verändert die Grösse den Malprozess an sich nicht, sondern nur die Dauer. Die Erstellung eines Werkes in Lebensgrösse dauert in der Regel etwa zwei Wochen.
Deine Arbeit hat dich in viele Länder geführt. Welches Erlebnis ist dir dabei besonders im Gedächtnis geblieben?
Ich habe in Indien, genauer gesagt in Rajasthan, Pferde in Lebensgrösse gemalt und die Leinwände und Farben mit einem Tuk-Tuk zu den Ställen transportiert. Am faszinierendsten finde ich, wie unterschiedlich Pferde je nach Kultur sind. Mein Lebensziel ist es, rund um die Welt zu reisen und möglichst viele Rassen zu malen. Sozusagen «In 80 Pferden um die Welt».
Du hast haben einmal zwölf Ponys für Prinz William gemalt, wie ist es dazu gekommen?
Ja, er hat ein Porträt all seiner Polo-Ponys in Auftrag gegeben, als er seine Karriere beendet hat. Ich habe jedes Pferd einzeln gemalt und sie dann zu einem langen Gesamtbild zusammengesetzt. Eine Version hat er seinem Pferdepfleger geschenkt, eine seinem Bruder, und kleinere Drucke gingen an das restliche Team, das mit den Pferden gearbeitet hat.
Du hast kürzlich beim Snow Polo in St. Moritz gemalt. Wie war das anders als im Atelier?
Die Kulisse war spektakulär, aber es war kalt. Am ersten Tag sind mir die Finger komplett eingefroren und ich habe schnell gelernt, Handschuhe und Handwärmer mitzunehmen. Der Schnee war eine weitere Herausforderung. Er wirkt weiss, ist aber voller Farbe und erscheint je nach Licht und Wetter eher blau oder gelb. Man kann nicht einmal eine Sonnenbrille tragen, da diese die Farben verfälscht. Ich würde Giovanni Segantini gerne fragen, wie er draussen gemalt hat.
Und du hast vor Publikum gemalt.
Das hat richtig Spass gemacht! Die Leute sind stehen geblieben, haben zugeschaut und Fragen gestellt. Da sie alle Pferde lieben, ergab sich das Gespräch ganz von selbst. Ich habe das Spiel nicht selbst gemalt, denn die Pferde bewegen sich dafür zu schnell. Ich habe mich in der Nähe der Pferdepfleger platziert, dort, wo die Pferde vorbereitet wurden. Einmal wurde ein Ball aus dem Spiel geschlagen, der direkt auf mich zugeflogen kam. Die Leute riefen: «Vorsicht mit der Staffelei!»
Wie ist deine Vorgehensweise beim Malen?
Ich stelle meine Farben selbst her. Ich arbeite nur mit vier Farben: Bleiweiss, gelber Ocker, Zinnoberrot und Elfenbeinschwarz. So habe ich es an der Kunstschule gelernt. Ich experimentiere nicht viel. Ich halte mich an die Regeln und vertraue dem Prozess. Bei grossen Arbeiten male ich oft an zwei Leinwänden pro Tag, eine am Morgen und eine am Nachmittag, da mich die Trocknungszeit sonst bremsen würde. Ich reise sogar mit Haartrocknern, um diesen Prozess zu beschleunigen. Aber die Luft hier oben in St. Moritz ist perfekt, die Farbe trocknet schnell.
Du besitzst zwei eigene Pferde. Wie unterscheidet sich das Malen deiner eigenen Pferde von dem Malen der Pferde von Kundinnen und Kunden?
Sie sind meine Lieblingsmotive. Ich kenne jeden Zentimeter von ihnen und in diesen Bildern stecken sehr viele Emotionen. Sie sind auch völlig entspannt in meiner Nähe. Bei einem Pferd von Kundinnen oder Kunden ist es wie bei einer Begegnung mit einer fremden Person: Man muss zuerst vorsichtig sein. Aber Pferde lernen schnell. Am Ende einer Mal-Session wissen sie genau, wie sie stehen sollen. Sie sind unglaublich clever.
Das Snow Polo ist vorbei, das White Turf ist hier. Wie bereitest du dich vor?
Ich bin derzeit als Gastkünstlerin für drei Monate an der St. Moritz Art Academy und baue dort gerade alle Leinwände auf, auf denen ich Landschaften male. Sobald die Rennpferde eintreffen, werde ich sie live ergänzen. Ich werde im Parade Ring arbeiten. Denn galoppierende Pferde sind nach wenigen Sekunden schon wieder aus dem Bild verschwunden.
Was würdest du deinem 16-jährigen Ich sagen, das damals glaubte, das Durchfallen bei den Prüfungen sei eine Katastrophe?
Damals fühlte es sich wie eine Krise an. Rückblickend zeigt sich jedoch, dass das Leben manchmal aus gutem Grund unerwartete Wendungen nimmt. Was im ersten Moment wie ein Scheitern wirkt, öffnet später oft eine neue Tür. Ich würde mir sagen: Du brauchst keine besonderen Abschlüsse, um ein erfülltes Leben zu führen.
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