Breaking Barriers

Mit Arthrogryposis multiplex congenita aufzuwachsen, einer angeborenen Behinderung, die seine Armbeweglichkeit stark einschränkt, bedeutete für Joachim Röthlisberger nicht, auf Herausforderungen zu verzichten. Im Gegenteil, die körperliche Einschränkung wurde zu seinem Antrieb und führte ihn zum Para-Skirennsport. Heute setzt er sich bei PluSport für die Sensibilisierung des Behindertensports ein und blickt voller Vorfreude auf die Weltcuprennen in St. Moritz.
vonCarmen Baumann

Die Autorin dieser Geschichte bewundert sowohl Joachim Röthlisbergers Weg als auch die Stärke und Entschlossenheit aller Para-Athletinnen und -Athleten. Kein Wunder also, wo sie vom 19.–21. Dezember zu finden ist: Am FIS Para Alpine Ski World Cup, wo sie die Sportlerinnen und Sportler anfeuert.

«Unmöglich ist nur eine Meinung» – Zitat auf deiner Webseite. Was bedeutet das für dich?
Es trifft auf vieles in meinem Leben zu. Ein Leben mit Behinderung erfordert viel Kreativität. Man begegnet Vorurteilen: Leute denken, ich könne etwas nicht – dabei gehört es für mich zum Alltag. Und umgekehrt gibt es Dinge, bei denen ich zuerst selbst denke, dass sie nicht gehen. Dann suche ich Wege, wie es trotzdem funktioniert.

Ich kann meine Arme zum Beispiel nicht strecken, aber dank einer Türfalle kann ich mir einen Pulli anziehen. Solche kleinen, alltäglichen Dinge sind für mich grosse Erfolge. Gleichzeitig suche ich gerne die grossen Herausforderungen – etwa eine Skitour ohne Skistöcke. Und auch meine Rennkarriere ist nicht selbstverständlich: Bei einem Sturz kann ich mich nicht abstützen und im Slalom die Stangen nicht mit den Armen wegdrücken.

Hattest du diese Kreativität und Motivation, Hürden zu überwinden, bereits als Kind?
Ja, definitiv. Ich wurde so erzogen. Meine Eltern haben mich in allem unterstützt, was mir Freude macht, jedoch ohne mich zu pushen, aber auch ohne mich zu bremsen. Ich wuchs in einem Umfeld auf, in dem hauptsächlich Menschen ohne Behinderung lebten. Im Sportunterricht habe ich einfach voll mitgemacht und mir zum Beispiel beim Unihockey den Stock unter den Arm geklemmt. So konnte ich sehr inklusiv aufwachsen und mich gut integrieren.

Wie bist du dann in den Skirennsport gerutscht?
Ich bin in meinem Leben oft zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Menschen begegnet. Einer davon war mein Kinderphysiotherapeut, der bis heute eine enge Bezugsperson ist. Er war auch Trainer im Behindertensport und motivierte mich, Skirennen auszuprobieren. Und weil die Behindertensportwelt nicht so gross ist, kommt man schnell mit Leuten in Kontakt, die das professionell betreiben. So bin ich schliesslich ins Skiteam gekommen und habe den Weg des Leistungssports eingeschlagen.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Ski alpin und Para Ski alpin?
Die Grundvoraussetzungen sind gleich: Es braucht Schnee und Ski. Der Behindertensport ist jedoch auf Chancengleichheit ausgelegt und nutzt dafür ein Klassifizierungssystem. Je nach Beeinträchtigung startet man in einer von drei Kategorien: stehend, sitzend oder mit Sehbehinderung. Dazu kommt ein berechneter Zeitfaktor, der die unterschiedliche Funktionalität ausgleicht.

Auch das Material unterscheidet sich: Sitzende Athlet:innen fahren mit dem Skibob, bei Sehbehinderung fährt jemand per Funk verbunden voraus. Stehende Sportler:innen haben zum Beispiel Prothesen. Ich selbst hatte spezielle Protektoren, die meine Arme schützen, und fahre heute mit adaptierten Skistöcken.

Du hast als Athlet ja manchmal auch schon einen Helm gespaltet…
Ja, das stimmt. Als Skirennfahrer touchiert man die Tore. Andere können die Stangen mit den Armen wegdrücken – bei mir prallen sie auf den Helm. Da sind schon Helme gespalten worden, und es gab auch Hirnerschütterungen. Zum Glück gab es genau in dieser Zeit grosse Fortschritte beim Material, und die Helme wurden besser gepolstert.

Schauen wir auf die Paralympics in Sotschi 2014.
Das war definitiv mein Karrierehighlight, auch wenn ich bis zum allerletzten Rennen um die Qualifikation bangen musste. Und dieses Rennen war in St. Moritz! Deshalb hat St. Moritz für mich einen besonderen Platz im Herzen. Dort fuhr ich mein bestes Weltcup-Resultat.

Mit welchem Gefühl geht man da an den Start, wenn man weiss: Das ist meine letzte Chance?
Am Tag davor bin ich ausgeschieden und war mit den Nerven am Ende. Beim letzten Rennen war klar: alles oder nichts. Ich musste liefern – sonst wäre mein Traum geplatzt. Es hat funktioniert. Das Schlimmste war dann das Warten im Ziel, bis alle unten waren und das erforderte Top-10-Resultat feststand. Damit auch die Selektion für die Paralympics.

Und dann Sotschi – Highlight und Ende deiner Karriere?
Definitiv das Highlight meiner Sport-Karriere. Zwar ohne Medaillen, aber dafür mit unzähligen bleibenden Erinnerungen. Für mich dann auch der perfekte Zeitpunkt, um aufzuhören. Ich hatte viel in den Sport investiert – mit dem Ziel Paralympics. Und ich wusste: Ich habe dieses Ziel erreicht und es gab Platz für neue Herausforderungen. Entscheidend war für mich, dass ich aufhören durfte und nicht aufhören musste.

Wie ist es, sich in einem neuen Alltag zurechtzufinden?
Nicht einfach. Man verlässt eine Familie, ein Team, mit dem man viel unterwegs war, und lebte in einer durch den Sport festgelegten Struktur, die man im neuen Alltag ohne Trainingspläne und Rennkalender wieder aufbauen musste. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich mich komplett davon gelöst hatte. Der Sport blieb aber bis heute ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben.

Du hast ein Jahr später bei PluSport auf der Geschäftsstelle angefangen. Wie hat dir deine Erfahrung als Athlet geholfen?
Ich konnte viel Erfahrung in die Organisation einbringen: Orte, Reisen, Abläufe und was sich verbessern lässt. Ich habe einen direkten Draht zu den Leuten. So bleibe ich nahe am Rennsport, auch wenn ich nicht mehr selbst auf der Tour bin. Für mich hat sich dadurch eine neue Perspektive auf den Sport geöffnet

Vom 19. bis 21. Dezember steht der Para Ski Welt Cup in St. Moritz an. Welche Bedeutung haben diese Rennen?
Der Para-Weltcup in St. Moritz ist eines der tollsten Rennen im ganzen Weltcup-Zirkus. Eine traumhafte Rennpiste, eingebettet in der wunderschönen Engadiner Bergwelt. Die lokalen Rennorganisation rund um Robin Miozzari und Sandro Künzler ermöglichen seit vielen Jahren perfekte Rennen für die paralympischen Athlet:innen. Dazu kommen die zahlreichen und unglaublich engagierten freiwilligen Helfer:innen von Voluntari Engiadina und Microsoft. Die Teams aus der ganzen Welt freuen sich immer, hier zu starten, und die Schweizer Athlet:innen sind sehr stolz auf ihr Heimrennen. Auch als Verband sind wir glücklich über die tolle und inklusive Zusammenarbeit mit der St. Moritz Tourismus AG, der Gemeinde und allen lokalen Partnern.

Was bedeutet St. Moritz für dich abseits der Piste?
Nur einen Monat nach meinem Rücktritt war ich am Julierpass auf Skitour. Von dort sah ich auf die Rennpiste hinunter. Da hat sich ein Kreis geschlossen – einer der speziellsten Momente für mich hier. Und neuerdings bin ich auch als Feriengast im Wohnwagen mit meiner kleinen Familie in der Region anzutreffen.

Was würdest du den Menschen raten, die das Rennen vom Sessellift aus sehen?
Kommt vorbei! Es lohnt sich, das direkt mitzuerleben, am Pistenrand und im Zielraum. In unserem Village lernt man den Behindertensport kennen, es gibt einen spannenden Sensibilisierungsparcours und man kommt sehr nah an die Athlet:innen und den Sport heran. Action ist angesagt: Es ist ein wichtiges Qualifikationsrennen für die Paralympics und es starten so viele Athlet:innen wie noch nie.

Und man sollte sich bewusst machen: Skirennsport ist schon an sich sehr anspruchsvoll. Wie ist es dann, blind, im Sitzen oder auf einem Bein zu fahren? Das ist Next Level!

Zu Beginn hast du erwähnt, dass Kreativität und Motivation eine grosse Rolle in deinem Leben spielen. Welchen Rat gibst du Menschen, die sich nicht fähig fühlen, ihre Freiheit oder Kreativität auszuleben?
Ausprobieren! Und wenn es beim ersten Mal nicht klappt, Hilfe suchen. Menschen mit Behinderung lernen früh, Unterstützung anzunehmen. Das öffnet Türen. Ein gutes Beispiel ist für mich das Wakesurfen, das habe ich nur geschafft, weil wir als Team zusammengearbeitet haben. Und so Unmögliches möglich gemacht.

Joachim Röthlisberger ist im Berner Oberland aufgewachsen. Ehemaliger Paralympischer Athlet und seit über 10 Jahren im OK vom FIS Para Alpine Ski World Cup St. Moritz. Er arbeitet bei PluSport Behindertensport Schweiz im Bereich Marketing & Kommunikation.

FIS Para Alpine Ski World Cup St. Moritz: Vom 19. bis 21. Dezember messen sich über 120 Athlet:innen aus 25 Nationen auf der Corviglia-Strecke. Für das Schweizer Team um Robin Cuche und Théo Gmür ist das Heimrennen ein wichtiger Schritt Richtung Paralympics Milano-Cortina 2026. Start: 1. Lauf 10:00, 2. Lauf 13:00. Der Eintritt ist frei.

Fotos: Marcus Hartmann und Marco Mantovani

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Vom 19. bis 21. Dezember 2025 verwandelt sich St. Moritz in den Mittelpunkt des Para-Skisports.