Nicht nur auf der Durchreise

DER PROFI-TRIATHLET DANIEL BÆKKEGÅRD VERBRACHTE JAHRE DAMIT, VON EINEM TRAININGSLAGER ZUM NÄCHSTEN ZU REISEN. NACHDEM IHN EIN TRAININGSCAMP NACH ST. MORITZ GEFÜHRT HATTE, MACHTEN ER UND SEINE PARTNERIN FILIPPA THYBERG JØRGENSEN DIE SCHWEIZER ALPEN ZU IHREM ZUHAUSE. KURZ VOR DER IRONMAN-WELTMEISTERSCHAFT IN KONA NEHMEN SIE UNS MIT DURCH EINEN TYPISCHEN TAG ZWISCHEN TRAINING, ARBEIT UND LEBEN IM ORT.
vonNina Lussi

An einem Wochentag Ende September, um halb eins mittags, pausiert Daniel Bækkegård nach drei Stunden und rund 120 Kilometern auf dem Rad seinen Fahrradcomputer für einen Zwischenstopp im Café Belmont. Hinter der Theke steht Filippa Thyberg Jørgensen bereits mit seinem Kaffee bereit. Nachdem die sommerlichen Besucherströme verschwunden sind, ist das Belmont wieder zum Treffpunkt der Einheimischen geworden – und das Paar hat zehn, manchmal fünfzehn Minuten füreinander. Filippa sagt, es sei schön, sich mitten in einem ganz gewöhnlichen Alltag im Ort zu sehen.

Es ist die einzige wirkliche Pause in Daniels Trainingstag. Bis zum Abend wird er 120 Kilometer Rad gefahren, 18 Kilometer gelaufen und sechs Kilometer geschwommen sein – insgesamt rund sechs Stunden Training. Das ist der Arbeitsumfang eines der besten dänischen Langdistanz-Triathleten. In St. Moritz allerdings sind die Rollen vertauscht.

«Jeder kennt Filippa, und niemand kennt mich», sagt er. «Ich bin einfach dieser Verrückte, der mit dem Rad herumfährt oder irgendwo rennt.»

A Day in the Life

07:00
Beide: Aufstehen.
07:15
Filippa: Zwei Scheiben Knäckebrot mit Hüttenkäse.
Daniel: Prüft das Wetter und legt Route und Distanzen für den Tag fest.
07:30
Filippa: 5-km-Runde um den Champfèrersee.
Daniel: Overnight Oats mit Früchten.
08:15
Beide: Gemeinsamer Kaffee. Filippa isst dazu drei Rühreier.
08:30
Daniel: Foam Rolling und Stretching.
08:42
Filippa: Bus zum Schulhausplatz.
09:00
Filippa: Beginn ihrer Schicht als Barista im Café Belmont.
Daniel: 120 km auf dem Rad: zweimal Richtung Maloja und zurück mit Intervallen, danach weiter Richtung Zernez und wieder nach Hause.
12:30
Beide: Gemeinsamer Kaffee im Café Belmont. Danach fährt Daniel nach Hause.
13:00
Filippa: Mittagessen to-go.
Daniel: Vorbereitetes Butter Chicken oder Teriyaki-Wok, dazu eine grosse Schüssel Pasta.
14:00
Daniel: E-Mails und Social Media.
14:45
Daniel: Lauftraining: 18 km mit Intervallen, direkt von zu Hause aus auf den zahlreichen Laufwegen.
15:50
Daniel: Fahrt ins Ovaverva für 6 km Schwimmtraining.
16:05
Filippa: Bus nach Hause.
16:30
Filippa: Studium: Arbeit an einer Gruppenpräsentation für die UCN.
17:30
Daniel: Zurück zu Hause, duschen und Filippa abholen.
17:50
Beide: Gemeinsam in den Ort.
18:00
Beide: Abendessen im La Scarpetta.
20:45
Beide: Eine dänische Serie oder Suits.
21:30
Filippa: Packt für das Fitnessstudio und die Arbeit am nächsten Tag und macht ihre Hautpflege – besonders wichtig im trockenen Höhenklima.
Daniel: Lässt den Tag Revue passieren: 120 km Rad, 18 km Laufen, 6 km Schwimmen.
22:00
Beide: Licht aus.

Vom Schwimmbecken aufs Podium

Daniel begann seine sportliche Karriere als Schwimmer und gewann mehr als 10 Medaillen bei dänischen Meisterschaften, bevor er zum Triathlon wechselte. 2019 wurde er Profi und gewann bei seinem Debüt über die volle Distanz den IRONMAN Austria. 2021 holte er Bronze bei der IRONMAN 70.3 World Championship und erreichte Platz sechs der PTO-Weltrangliste. Bei der IRONMAN World Championship in St. George 2022 wurde er Siebter, und 2023 gewann er den IRONMAN Western Australia mit Streckenrekord.

Danach folgten Jahre voller Verletzungen und Wettkämpfe unter Schmerzen. Als die Resultate schlechter wurden, zogen sich Partner und Sponsoren zurück.

«Man merkt, dass man am Ende einfach nur eine Zahl in einer Excel-Tabelle ist,» sagt er.

Also kehrte er zu dem zurück, weshalb er überhaupt begonnen hatte. «Ich habe diesen Sport immer gemacht, weil ich ihn liebe.»

Am 10. Oktober wird er in Kona erneut an der Startlinie stehen – ein Ziel, das ihn auch durch die schwierigeren Zeiten getragen hat.

Leben auf 1'856 Metern

Jahrelang verbrachte Daniel zwischen 150 und 250 Tage pro Jahr in Trainingslagern. Ein Trainingscamp in St. Moritz veränderte das. Im Januar 2024 zog er hierher – und heute kommt das Training gewissermassen zu ihm.

Auf 1'856 Metern über Meer übernimmt die Höhenlage jeden Tag einen Teil der Arbeit. Bergpässe wie Bernina, Albula und Flüela sowie die Forcola di Livigno eröffnen unzählige Möglichkeiten für Radtouren. Laufwege beginnen direkt im Ort, Seen ermöglichen Freiwasserschwimmen, und im kürzlich renovierten Ovaverva stehen ganzjährig Schwimmbahnen zur Verfügung.

Daniel trainiert zwischen 30 und 40 Stunden pro Woche, vieles davon direkt vor seiner Haustür. Da regelmässig andere Profisportler nach St. Moritz kommen, ist er beim Training nur selten allein.

«Hier oben habe ich viele andere "Verrückte" gefunden, mit denen ich trainieren kann», sagt er.

Doch nicht nur der Sommer bietet ideale Trainingsbedingungen. Auch der Winter hat es ihm inzwischen angetan. Wenn Daniel über Skitouren spricht, beginnen seine Augen zu leuchten.

«Das ist das verrückteste Training, das man überhaupt machen kann.»

Daniel und Filippa planen, den gesamten kommenden Winter zu Hause zu verbringen – ein Novum in seiner Profikarriere. Und wer weiss: Vielleicht sehen wir ihn im März sogar an der Startlinie des Engadin Skimarathons.

Filippas St. Moritz

Filippa folgte einige Monate später, im Juni 2024. Sie wuchs im dänischen Aarhus auf und hatte zuvor bereits drei Jahre im Ausland gelebt. Wie sie selbst sagt, befand sie sich ohnehin „im Abenteuer-Modus“.

Ihre Morgen beginnen mit einer fünf Kilometer langen Runde um den Champfèrersee, gefolgt von einer Busfahrt in den Ort. Wie einfach man sich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen kann, gehört für sie zu den Dingen, die Besucher besonders häufig unterschätzen.

«Wenn man hier lebt, ist es unglaublich einfach, von A nach B zu kommen,» sagt sie.

Im Café Belmont ist Filippa mittlerweile zu einem bekannten Gesicht im Ort geworden. Der Kontakt mit Einheimischen und Gästen ist der Teil ihrer Arbeit, den sie am meisten schätzt. Die Nachmittage widmet sie ihrem Online-Studium an der UCN Aalborg, während sie ruhige Abende gerne auf dem Balkon verbringt – mit Blick auf die Berge.

Ihr Geheimtipp ist das Jahresabonnement der lokalen Bergbahnen, das ganzjährig auf den Bergbahnen des Oberengadins gültig ist. Das Leben hier hat auch ihre Sicht auf St. Moritz verändert. Bevor sie hierherzog, erschien ihr ein Aufenthalt in St. Moritz eher unerreichbar. Nachdem sie selbst hier lebte, stellte sie fest, dass ein Besuch gar nicht besonders lang sein muss.

«Man muss nicht zwei Wochen kommen. Man kann drei richtig gute Tage hier verbringen und trotzdem alles erleben.»

Ihre Kontakte im Ort erwiesen sich als besonders hilfreich, als Daniel in diesem Frühling seinen 30. Geburtstag feierte. Filippa wollte ihm eine Erinnerung an St. Moritz schenken und kaufte deshalb einen Print von Tony Kelly, der regelmässig im Café Belmont zu Gast ist. Silvano, der Besitzer, organisierte, dass der Künstler den Print persönlich signierte und datierte. Heute hängt er im Wohnzimmer ihrer Wohnung.

Mit einem Augenzwinkern entschied sich Filippa für ein Motiv mit einer Gruppe Nonnen, die durch frischen Pulverschnee fahren – eine deutliche Abwechslung zu Kellys üblichen Fotografien leicht bekleideter Supermodels.

Off the Clock

Ein freier Tag ist einfach gestaltet, auch wenn solche Tage für Daniel selten sind: gemütlich einen Kaffee trinken, nach Muottas Muragl wandern und oben eine Schorle geniessen oder über den Malojapass nach Chiavenna fahren. Im Winter sind es Skier und eine Berghütte.

Einigen von Daniels Konkurrenten wurde gesagt, eine Freundin sei eine Ablenkung. Daniel hat darauf seine eigene Antwort. Auf die Frage nach dem schönsten Teil seines Tages lächelt er.

«Mit meiner Freundin zusammen zu sein»

In wenigen Tagen bringt ihn die IRONMAN World Championship in Kona auf die andere Seite der Welt – in ein anderes Klima und weit weg von diesem Winkel des Engadins. Für eine Weile werden sich ihre Tagesabläufe voneinander trennen, doch der Glaube an das gemeinsame Ziel bleibt derselbe. Die Arbeit in der Höhe ist getan. Jetzt ist es Zeit, alles zu geben.

Und ganz gleich, was passiert, eines ist sicher: Schon bald werden sie wieder gemeinsam im Engadin sein.